"Ein Geburtstagsgruß für meinen jüngsten Freund Fritz!"


Lieber Fritz!


Ach, ich glaube einfach nicht, daß Du demnächst 90 wirst. Es kann nicht daran liegen, 
daß die Daten in Deinem Pass falsch sind. Ich halte Dich nicht für jünger - und schon gar 
nicht für älter. Ich halte Dich für alterslos.
Als wir Deinen achtzigsten Geburtstag gefeiert haben, kannten wir uns zwar schon ein paar 
Jahre, aber nicht sehr gut. Ich hatte keinen Grund zu zweifeln, daß Du achtzig wirst. Ich war 
tief beeindruckt, wie sehr Deine jugendliche Ausstrahltungalle äußeren Zeichen des Alterns 
überstrahlte. Inzwischen kennen wir uns sehr gut und sind uns sehr nahe gekommen, nicht 
zuletzt durch die vielen gemeinsamen Reisen. Wenn ich jetzt auf diese zehn Jahre 
zurückschaue, dann muß ich Dir sagen, daß du heute nicht um einen Tag älter bist als bei 
Deinem Achtzigsten. Ich bin ziemlich sicher, daß Du auch in all den Jahren davor nie 
gealtert bist. Ich glaube, Du warst immer der Gleiche. Immer der gleiche Charme, die 
gleiche Mischung aus Ernsthaftigkeit und Humor, die gleiche unglaubliche Kombination aus 
Selbstbewusstsein und Bescheidenheit. Immer das gleiche unnachahmliche Lächeln. 
Natürlich wirst Du als kleiner Junge anders ausgesehen haben als jetzt. Aber ich bin sicher, 
daß Du zu keinem Zeitpunkt Deines Erwachsenen-Lebens ein jugendlicher Springinsfeld warst, 
so wie Du jetzt kein Greis bist. Wenn ich mir Deinen verschmitzten Blick unter den von Dir 
gerade dem Museum für Angewandte Kunst gestifteten Hüten ansehe, so ist er fast identisch 
mit Deinem Blick auf Fotos, die Dich (ebenfalls mit Hut) in jungen Jahren zeigen. Schon 
damals hast Du etwas ausgestrahlt, was viele, die Dich erst jetzt kennenlernen, als Altersweisheit 
bezeichnen werden. Auch alles, was Deine körperliche Beweglichkeit einschränkt, hat nie etwas 
mit dem Älterwerden zu tun gehabt. Dein schwaches Bein stammt von der Kinderlähmung in 
jungen Jahren. Und daß Du als Thema Deiner Jubiläums-Ausstellung nicht etwa "Die 
wichtigsten Fotos der Sammlung Gruber" oder "Rückblick auf ein Sammler-Leben" gewählt 
hast, sondern "Zärtliche Betrachtung schöner Damen", ein Thema, über das Du schon vor 
sechzig Jahren geschrieben hast, beweist mir wieder, daß Du nicht gealtert bist. Und wie 
Du es über dreißig Jahre lang geschafft hast, Deine schöne Frau Renate täglich aufs neue 
zu begeistern, so daß sie Dich liebt wie am ersten Tag - das kann keiner, der älter wird.
Überhaupt, Du und die Frauen! Ein alter Mann zeigt beim Anblick junger hübscher Mädchen 
entweder das seinem Alter angemessene Desinteresse (das ist vorbei...) oder das seinem Alter 
unangemessene (hmm...) und daher peinlich wirkende Interesse. Nichts davon bei Dir! Wer 
Dich kennt, sieht sofort das von großer Bewunderung, aber ebenso großem Respekt für das 
weibliche Geschlecht getragene Strahlen in Deinen Augen, wenn du einer jungen Dame begegnest.
Bei unseren gemeinsamen Reisen, nach New York etwa oder zum Nil, habe ich nie von Dir gehört 
"das ist nichts mehr für mich" oder "macht Ihr das mal alleine...". Du bist zu jeder Schandtat bereit - 
und Renate sorgt dann schon dafür, daß es nicht zu anstrengend wird. Und als wir neulich mit 
dem Intercity nach Wuppertal zur Premiere von Pina Bausch fuhren, sagtest Du plötzlich "ach, 
laß uns weiterfahren". Das sind die Momente, die ich meine. Ich möchte mich bei Dir auch 
bedanken für Deine Offenheit, die Du meinen jungen Freunden entgegenbringst. Sie verehren 
Dich alle.
Fritz, Du bist ein Phänomen. Damit meine ich nicht nur Deine Zähne, an denen noch nie ein 
Zahnarzt einen Pfennig verdient hat. Ich meine diese alterslose Ausstrahlung, die Dir erlaubt, 
die schillerndsten Westen und die buntesten Krawatten zu tragen, ohne daß je jemand auf die 
Idee käme zu sagen "in dem Alter!" Ich meine Dein Interesse an allem, was in unserer Gesellschaft 
vorgeht, ohne Einschränkung - vielleicht mit Ausnahme der Sportseiten Deiner Zeitung, die Du 
sicher höchstens überfliegst.
Fritz, ich bewundere Dich, und ich glaube, daß Du nicht nur mein bester, sondern auch mein 
jüngster Freund bist.

Dein Alfred                                                                               
    converted by Katrin Stelzer