from  KUNSTZEITUNG, Nr. 68/April 2002, p.18

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Ein Mann, ein Medium

L. Fritz Gruber: Foto-Diplomat mit weltweiten Kontakten

 

Henri Cartier-Bresson begleitete er auf Fotojagd. Mit Chargesheimer plauderte er über Pudel. Und bei gemeinsamen Abendessen bewunderte er Man Rays sprühenden Witz, aber ebenso die schöne Frau des Künstlers. L. Fritz Gruber erinnert sich gut und offenbar sehr gern. Mit etlichen Fotografen des 20. Jahrhunderts war er befreundet, denn weltweit streckte der „Foto-Diplomat“ seine Fühler aus und knüpfte Kontakte. „Ich musste das Faszinierende von überall her zusammentragen“, sagt er. „Die Ergebnisse waren die befriedigenden Glanzlichter meines Lebens.“

 

Heute ist Gruber 93 Jahre alt, das Gesicht schmal, der Ausdruck milde und zufrieden. Er konnte einiges erreichen für sein Medium: als Organisator der photokina und Initiator der Deutschen Gesellschaft für Fotografie, als Autor, Kurator und natürlich als Sammler. Die Leidenschaft hat ihn früh erwischt: Das erste Foto seiner Kollektion stammt von August Sander und zeigt Grubers Lieblingslehrer. Über die Jahrzehnte ist der Fundus gewachsen auf 3000 Stück – eine Vita in Fotos. Dabei sind auch jede Menge Gruber-Porträts aus allen Lebensphasen. Hugo Erfurt, Irving Penn und Man Ray haben ihn abgelichtet. Bis heute posiert der Fotofan immer wieder vor den Kameras seiner Favoriten. Früher setzte er sich am liebsten elegant in Szene. Mit Schal, markantem Schnurrbart und über Jahrzehnte bevorzugt in Begleitung seiner um einiges jüngeren Ehefrau Renate, die wunderbar für ihn sorge und inzwischen vielleicht besser über die Fotografie Bescheid wisse als er selbst, meint Gruber.

 

Es könnte einen wundern, dass an den Wänden des schlichten Hauses im Kölner Stadtteil Braunsfeld, wo das fotovernarrte Paar seit über 40 Jahren zusammenlebt, kaum ein Lichtbild zu entdecken ist. Nur die Diele schmücken einzelne Exemplare, darunter Filmstills der Tochter aus Grubers erster Ehe: Bettina ist Videokünstlerin. Alles Übrige gehört heute dem Kölner Museum Ludwig. 1977 hat Gruber die ersten 800 Arbeiten an das Kölner Haus verkauft und dann peu à peu den ganzen Rest der Sammlung geschenkt. Ohne jede Wehmut. „Ich sage immer, das ist wie mit einer Tochter, die heiratet, aber in der Stadt bleibt“, lächelt er. „Man kann sie immer sehen, muss aber nicht mehr für sie sorgen.“

 

Die Bilder hat Gruber abgegeben, deshalb ist und bleibt sein Name aber nicht weniger eng verknüpft mit der Fotografiegeschichte des 20. Jahrhunderts. Und was sagt der Kenner zur aktuellen Szene? „Sehr interessant!“ Leute wie Andreas Gursky erstaunten ihn immer wieder, sagt er. In der eigenen Kollektion muss Gruber allerdings auf Arbeiten des Fotografenstars verzichten – es fehle ganz einfach das Geld. Seinen Lebtag hat er direkt bei den Künstlerfreunden gekauft, vieles sei ihm gar geschenkt worden. Dass Fotos heute wie Aktien gehandelt werden, findet Gruber „wirklich schauerlich“.

Stefanie Stadel

 

 

 

 


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