Süddeutsche Zeitung
NRW-FEUILLETON Dienstag, 12. Februar 2002
  Deutschland Seite 3

Bekenntnisse eines Zwillings

„Fotografien altern sehr schnell“: Ein Besuch bei L. Fritz Gruber in Köln, dem Doyen der deutschen Fotografie und Mitbegründer der photokina

Köln – Um sich ein Bild von L. Fritz Gruber zu machen, hätte man 3000 Motive zur Auswahl, diese aber nicht zur Hand oder vor Augen. Auch der Sammler selbst nicht, jedenfalls nicht mehr, seit er dem Museum Ludwig seiner Heimatstadt Köln die Kollektion überlassen hat. 800 Abzüge hat er 1972, nachdem erstmals eine private Auswahl öffentlich ausgestellt wurde, auf Wunsch des damaligen Kulturdezernenten Hackenberg („das muss hier bleiben“) verkauft, um den weit größeren Teil peu à peu herzuschenken. Auf die Frage, ob ihm das keinen Trennungsschmerz verursacht habe, scherzt Gruber: „Es ist wie mit einer Tochter, die sich verheiratet und in der Stadt bleibt. Man kann sie sehen, aber sie kostet kein Geld mehr.“

Bilder von Gruber gibt es viele, dem Doyen der deutschen Fotografie-Szene, Mitbegründer und nunmehr Ehrenpräsident der Deutschen Gesellschaft für Photographie, Wegbereiter der photokina seit 1950 und ihrer 300 Bilderschauen bis 1980. Den Bewahrer des flüchtigen Augenblicks selbst dokumentieren Porträts und Schnappschüsse, etwa von Irving Penn, Helmut Newton, Herbert List oder Ulrich Tillmann, der eine Aufnahme Picassos ironisch nachstellte, indem er Gruber in Pablos Pose als charismatisch verschatteten Dunkelmann ablichtete, oder jene, die Fritz und seine Frau Renate lebenslustig auf dem Weg ins Maxime's imaginiert. Voilà, ein Bonvivant. In gewisser Weise wird ein Gruber-Bild immer zum Doppelporträt, denn Fritz und Renate sind – seit 44 Jahren – auch in Arbeit und Kompetenz vereint.

Wer Fotografien in den Empfangsräumen des Hauses erwartet, das in einer kleinen Straße von Braunsfeld liegt, die der Bestätigung bürgerlich durch die Vorsilbe ,gut' nicht bedarf, wird enttäuscht sein. „Ich hänge keine mehr auf, sie altern sehr schnell.“ Im Flur sieht man gerade mal eine Serie farbiger Stills der Tochter Bettina aus Grubers erster Ehe, die unweit in einem Loft wohnt: Folgen der Vererbungslehre. Die sonstige Abstinenz begründet der 93-Jährige mit Roland Barthes: „Jedes Foto zeigt nur etwas Vergangenes.“ Barthes übrigens nannte den Fotografen einen „Agenten des Todes“ – memento mori: Der Mensch wird älter, das Bild bleibt. Renate Gruber führt die Zurückhaltung ihres Mannes sacht auf die verbleibende Frist zurück: „Wenn man wenig Zeit vor sich hat, wird man ungeduldig".

Betrachtung schöner Damen

Dennoch, von Leere kann keine Rede sein. Malerei und Grafik schaffen eine Erinnerungsaura, Persönliches und Geschenktes auch hier. Außerdem:„Unsere kleinen Altäre machen wir in der ersten Etage“, souffliert Ehefrau Renate, um maliziös hinzuzufügen: „Geschenke von Damen werden bevorzugt“. „Zärtliche Betrachtung schöner Damen“ heißt ein Bildband aus der Sammlung, komponiert für eine Ausstellung im Museum Ludwig 1998. Grubers Lebensreise, auch ein galantes Abenteuer. Der exquisite Gentleman, selten ohne nonchalant umgelegten Schal anzutreffen, schenkte dem Kölner Museum für Angewandte Kunst 25 seiner Hüte.

Grubers erste im Album seines Lebens abgelegte Fotografie stammt aus den zwanziger Jahren: von August Sander, dem Vater seines Schulkameraden Gunther und damals nur eine „lokale Größe“. „Wir fanden ihn ein bisschen spleenig“, erinnert er sich, wenn Sander etwa einen Bettler ansprach und sagte: „Du kriegst ein Butterbrot, wenn du dich fotografieren lässt“. Grubers frühes Sammlerstück zeigt seinen Lehrer Dr. Paul Bourfeind. Der wohlhabende Pädagoge führte in seiner Lindenthaler Villa einen Salon, in dem sein begabter Schüler Thomas Mann und Alfred Döblin um Widmungen ihrer Bücher bitten durfte. „Es war für mich nichts Besonderes, dass ich immer der erste war“, sagt Gruber mit reinem Staunen. Er begeisterte sich damals für Man Ray, Renger-Patzsch und Erich Salomon, die er aus Ullstein-Publikationen kannte. Sein Faible galt sowohl der dokumentarisch nüchternen wie einer surrealen Perspektive. Ein Widerspruch? „Ich bin ein Zwilling, der sich für gegensätzliche Seiten interessiert.“

Möglich war vieles, mehreres verwirklichte sich, etwa mit Freunden die Gründung des Kölner und Westdeutschen Kuriers in Düsseldorf, die der Student der Ethnologie auf Druck der Nazis 1933 aufgeben musste. Um der Gefahr der Verhaftung zu entgehen, wählte er das Londoner Exil.1939 überraschte ihn der Krieg dann bei einem Besuch im Elternhaus: Aber da hätten die Nazis ihn schon „vergessen“.

Zum Malen hat es nach Grubers Einschätzung nicht gereicht, und das Fotografieren hat er dann auch irgendwann aufgegeben. „Ab 1950 habe ich mich nur noch für andere eingesetzt“. Er sammelte, doch nie auf Kunst hin. „ Der akademische Zugang ist mir versperrt. Ich habe einen Horror vor den großen Symposien zur Fotografie. Ich bin kein Wissenschaftler, ich bin Machenschafter. “ Der entfremdete Blick gehört nicht zu Grubers look of love. Er ist als Betrachter nicht Konsument, sondern Connaisseur.

Gruber spricht von glückhaften Verbindungen, die man ungern Zufall nennen möchte, weil Glück angesichts seiner vita activa eher produktives Gestalten denn passives Erwarten meint. Ein guter Sammler sei seiner Zeit voraus, sagt er. Nie habe er auf Auktionen gekauft, sondern immer von den Fotografen selbst, wenn es nicht Freundschaftsgaben waren, gewissermaßen Kontakt-Abzüge.

Seine Sammlung habe sich „ereignet“, resümiert er schlicht. Aber ist gewiss nicht zu denken ohne ein Sensibel-Sein für den „entscheidenden Augenblick“, den Henri Cartier-Bresson für sich kreativ machte. Der Franzose, dessen „verträumte“ Fotografien Gruber liebt, bat ihn einmal: „Fritz, bless my camera“. Es liegt Segen auf Gruber, zumal sein mildes Gesicht heute an einen heiter-zarten Anachoreten erinnert. Wie er da im löwenverzierten Lehnstuhl in seinem Salon sitzt, hat er den Kopf eines spanischen Granden, gemalt von El Greco, während er in seiner Jugend Willy Birgel und mehr noch Salvador Dali ähnelte: dunkel, schmal, mondän, von fast südlicher Färbung und mit verwegenem Schnurrbart.

Wie definiert der Augenmensch Gruber das Verhältnis von Wahrheit und Lüge des Bildes, neben dem Faktor Zeit bestimmend für die Ideengeschichte der Fotografie. Eine Einstellungsfrage. Gruber meditiert doppeldeutig und sophistisch: „Das Objektive steckt im Bekenntnis des Fotografierenden – das subjektive Schreiben mit Licht kommt hinzu."

Gruber hängt an der analogen, also traditionellen Fotografie, bei der die Beziehung zwischen Objekt und Kamera echt sei und die den fotografierten Menschen – so seine „kühne Aussage“ – „nahe an ihre Seele“ käme: „Die digitale Kunst hat die Glaubwürdigkeit erschüttert.“

„Fotos sind Aktien geworden“

Mit einer Miene duldsamer Ratlosigkeit blättert er ein Magazin auf, um zwei Fotografien Thomas Ruffs zum Thema Mies van der Rohe zu zeigen: ein Interieur mit Mobiliar, aufgelöst in Monets Seerosen-Farben, und eine Fassade, die wie ein Schwamm Bauhausstrenge wegwischt. Das sei „Image-Making, Bilder- Machen“. Er meine das nicht als Kritik, sondern mit einer Art „stiller Trauer“. „Wir haben kein einziges digitales Bild in unserer Sammlung.“ Was gewiss nicht nur damit zu tun hat, dass sie sich die Fotografien etwa der Becher- Schüler Gursky, Struth und Ruff nicht leisten können. „Fotos sind Aktien geworden.“

Aber die Grubers leben in keiner vergangenen Bilder-Welt: Roxanne Lowit mit ihren Blitzlichtern auf Vips und beautiful people oder Sarah Moon mit ihren Paris-Bildern sind brandneu. Manchmal aber sei er „fassungslos“, wenn ein junger Fotograf mit eiligen Ansprüchen nach Katalog, Publikation und Ausstellung zu ihm komme. Viele der großen Alten seien doch erst in relativ hohem Alter bekannt geworden. Die „eye music“ spielt heute schneller. Das Gesetz der Beschleunigung und die Ungeduld gilt, wenn zwar anders, für jung und alt.

Gruber sieht die primäre Mission der Fotografie in ihrer „unmittelbaren Information“, im Bericht-Erstatten, Zeugnis-Ablegen, im Sagen, wie es gewesen ist, wie eine Formel historischer Rekonstruktion lautet. Darin ist Gruber Kind seiner Zeit, des 20. Jahrhunderts der Katastrophen und Kriege. Hermann Claasens Aufnahmen der Ruinenstadt Köln, wo eine Madonna in den Trümmern einer Kirche neuen Sinn als mater dolorosa setzt, oder ein Schienenstrang sich ins Nichts einer Wüstenei schlängelt, nahm er gewiss bewusst auf in die Bilderschau „Augenblick und Endlichkeit“ (1999/2000 im Museum Ludwig). Da war Gruber Augenzeuge. „Wahrheit ist zunächst das, was ich ohne Fotografie sehe“, schränkt er ein. Vielleicht aber gilt, was Francois Truffaut in „Die amerikanische Nacht“ über den Film sagt, auch für die Fotografie: dass sie „zärtlicher sei als das Leben“.

ANDREAS WILINK


Gruber-Bildnis muss immer auch zum Doppelporträt werden: L. Fritz Gruber und seine Frau Renate.

Foto: Regina Schmeken

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